BIBLISCHE GESCHICHTEN

Mit einer Fülle an Bildern und Gedanken im Kopf kehre ich von einer vierzehntägigen Frankreichreise zurück. Chartres-Orleans-Burgund-Colmar, so die wichtigsten meiner Reisestationen. Die plastischen Bildprogramme der gotischen und romanischen Kathedralen sind mir immer wieder Inspiration, die uralten Fragen neu zu stellen und damit die eigene bildkünstlerische Arbeit zu bereichern.      

 

Die schönen Bildkapitelle der Kirchen von Autun, Vezelay oder Saulieu überzeugen durch ihre Klarheit und Einfachheit in Form und Ausdruck. Sie bilden geradezu einen unerschöpflichen Fundus an Bildmotiven, die die Geschichten der Bibel in Stein erzählen.

Die „Flucht nach Ägypten“ scheint ein beliebtes Thema für die Gläubigen des zwölften Jahrhunderts gewesen zu sein. Ich finde es sowohl in Autun in einer naiv-liebvoll anmutenden Darstellung, als auch in Saulieu in bereits stilisierter Form.

 

Ich entscheide mich für das Kapitell aus St. Lazare in Autun. Es lässt sich zum einen im Original genauer studieren und fassen, da es unmittelbar neben den von mir geliebten Magiern  in der ehemaligen Bibliothek der Kathedrale zu sehen ist. Zum anderen berührt mich die Innigkeit der Figuren in ihrem Gestus und ihrer Haltung hier sehr viel stärker als das Werk von Saulieu.

 

Maria bildet mit ihrem Kind eine Einheit, ist Beschützerin und Heimat zugleich.

Für das Kind ist die Flucht ausgeschlossen, es ist dort zu Hause, wo seine Eltern sind.

Aber warum müssen diese fliehen? Vor wem und wohin sollen sie sich in die Flucht schlagen? Und: was bedeutet eigentlich Flucht?

 

Denke ich theologisch, dann läge die Typologie des alten und neuen Bundes, die Gottessohnschaft und die Weisheit, die ihren Ursprung im alten Ägypten hat, nahe. Nicht das es mir fern läge, aber viel näher und interessanter für die Erarbeitung einer eigenen Bildidee erscheinen mir momentan die Interpretation und ihre „Ausläufer“.

 

Betrachte ich das Relief am Kapitell, dann ist es im wahrsten Sinne der Darstellung und des Wortes eine versteinerte Flucht. Außer dem zum leichten Trabschritt anhebenden Esel macht hier kaum jemand den Eindruck vor dem drohenden Grauenvollem fliehen zu wollen.

Joseph, der die Warnung im Traum empfangen hat und, der als Familienoberhaupt die Entscheidung  treffen musste, scheint gemächlichen des Weges voranzuschreiten.

Die kleine Gruppe mutet eher an, auf einer Wanderung zu sein. Des Esels Blick ist  freundlich, Mutter und Kind scheinen symbiotisch in einer eigenen Zeit zu schweben. Sie sind beide durch die jeweilige Berührung einer Kugel miteinander verbunden.

Vielleicht ein Ball, ein Spielzeug auf dieser langen Reise, auf der das Kind bei Laune gehalten und sein Tag gestaltet werden muss. Oder ist die Kugel Sinnbild für die Welt und das Leben, von der Mutter gehalten und getragen und von der aufgelegten  Kinderhand geschützt oder gesegnet?    

Die Flüchtigen stehen auf Rädern, die Bewegung assoziieren, und in ihrer dekorativen Form wie schöne Blumen erscheinen.

 

Eine statische versteinerte Flucht, ein Paradoxon, das mich zu folgenden Gedanken und einer Bildidee herausfordert.

 

Menschen fliehen aus politischen Gründen, aus der Sklaverei und Gefangenschaft, vor einem Tyrannen, einem Diktator, oder aus einem totalitären Regiem. Frauen und Männer fliehen vor Beziehungen und Verantwortung, aus nervösen Ehen oder aus unerträglichen Lebenssituationen. Kinder flüchten vor bestimmenden Eltern, Auseinandersetzungen mit Freunden, Lehrern oder Erwachsenen überhaupt.

All diesen fehlt im Moment ihrer Entscheidung sich in die Flucht zu begeben, die Kraft, in ihrer Heimat, am Ort ihrer Jetztseins durchzuhalten.

Sie bedürften des Segens dringender denn je.  Interessanterweise haben in unserer Sprache  Fluch, als Gegenteil von Segen,  und  Flucht ihren gemeinsamen Wortstamm.

 

Die Kraft ist verzehrt, Ängste durchtreiben sie, Warten und Langeweile machen sich in ihnen breit,  Ratschläge und Warnungen von Außen bestärken zur Tat. Wunsch und Antrieb werden größer, das Bild dessen, der einen vermutlich in die Flucht zu schlagen scheint, gewinnt schärfere Konturen. Die Kommunikation bricht ab oder es hat sie nie gegeben.

 

Aber wohin sollen sie gehen? In ein anderes Land, in gesicherte friedliche Gefielde, zu den Eltern, zu einem anderen Partner, zu Freunden …ein zutiefst menschliches Motiv.

Was erwartet sie dort und  was sollen sie dort? Wie wird es weitergehen?

Neue Beziehungen werden geknüpft und brauchen wieder Zeit, gefestigt zu werden.

Der Weg zu sich selbst beginnt von vorn am anderen Ort, im neuen Gefüge.

Es wird verändert, nachgeholt und wiederholt.

Der Ausgangspunkt der Flucht wird zum Fluchtpunkt selbst. Sie haben gewartet und kehren wieder zurück, aus Ägypten,  in ihr Heimatland, zu den ihren.

 

Es gibt keine Flucht. Wohin auch? Es ist „nur“ möglich, wachsam zu sein, gegenüber dem Anderen und vor allem gegenüber sich selbst und der Müdigkeit, die einen ständig überfällt und wichtige Lebenszeit blockiert. Sich nicht selbst zu verlieren und sich immer wieder zu finden, das ist der Weg, der durch das Labyrinth des Lebens führt.

 

Im berühmten Labyrinth von Chartres bin ich aufrecht meine Flucht gegangen – sie war 294m lang. Ich habe diesen  konzentrischen Kreis und seine Symbolkraft für eine erste Bildidee mitgenommen und ihn ausgehend von den vorangestellten Gedanken mit den Flüchtigen aus Autun zu einem eigen Bild kombiniert.

 

Die Fluchtgruppe wiederholt sich in unterschiedlichen Größen und ändert die Fluchtrichtung, um den Fixpunkt und zugleich Mittelpunkt des Labyrinths kreisend.

Eine zentrifugale Bewegung entsteht. Das Areal ist grün und mutet wie ein Rasen an. Manchmal hatte ich während der Arbeit das Gefühl, die Flüchtlinge galoppieren auf einem Fußballspielfeld.

Die existentielle Flucht – ein strategisches Spiel? Fluchtmannschaften entstehen. Das Lasttier wird zum Rennpferd, die Fliehenden zu Jockeys.  Die Wette gilt! Dieser Gedanke schaudert mich.

 

Den inhaltlichen Faden erneut aufnehmend, „kläubele“ ich weiter und entwerfe eine zweite Bildidee. Die Akteure  bleiben auf der Bildfläche und sind an dicke, teils zu Knoten gewundene Stricke gebunden.  Der Weg ist nachvollziehbar und wäre mit Hilfe des Seils zurück zu verfolgen.

Die Fliehenden, wieder durch Größendifferenzen in unterschiedlicher Perspektive dargestellt,  entfernen sich im Wulst der Taue immer mehr von der Mitte.  Das gesamte Liniengefüge von Stricken und Reitern wirft eine große  Unruhe auf. Sie ist nur schwer zu dämpfen.  Eine Bildordnung herzustellen  bzw. Bildruhe zu erzeugen, strengt mich an. Der Inhalt drängt sich durch. Flucht ist immer unruhig, im Inneren wie im Äußeren. Es heiß nicht umsonst „Ruhe v o r der Flucht“.  Hier scheinen uralte Erfahrungen zu sprechen.        

Seine Mitte zu verlieren, sich entfernen zu dürfen und mit Hilfe der Stricke wieder zurückfinden zu können,  dabei entstandene Knoten zu lösen oder verheddertes Garn zu richten, das ist Chance für den Flüchtling, wenn er nicht verloren gehen will.

 

 

Christina Simon